Loblied auf den Müßiggang

                                                                                                                     Aufsatz von Janika Thomas

Gleichgewicht

Lange schon bevor dieses Wort „Müßiggang“ mir ein Begriff wurde, hatte ich das Gefühl, dass es um etwas zu verwirklichen, vor allem Gelassenheit, Hingabe und Frieden braucht. Also ein inneres Gleichgewicht statt einer ständigen Betriebsamkeit. Was auch immer ich in meinem Leben wollte wurde meist dann zu einer erfüllenden Wirklichkeit, wenn ich mich einer inneren Haltung hingab, die mich von allen Anstrengungen, Bemühungen und von allem Ehrgeiz freisprach. Also ganz entgegengesetzt dem, was ich gelernt hatte und was mir auch immer noch überall gespiegelt wird: wenn Du etwas willst, musst du dafür arbeiten, denn von nichts kommt nichts. Doch mein Gefühl vermittelte etwas anderes, dass gerade aus dem Nichts, spannendes erwächst. Beistand fand ich darin bei den Künstlern, Philosophen, Dichtern und Denkern.

„Das ganze Leben besteht aus Wollen und Nicht-Vollbringen, Vollbringen und Nicht-Wollen. Wollen und Vollbringen ist nicht der Mühe wert oder verdrießlich davon zu sprechen.“ Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Innere Haltung
So entdeckte ich wie die Freigeister diese innere Haltung betiteln: Müßiggang! Dieser ist nicht aller Laster Anfang, sondern viel mehr der Beginn aller wirklichen Tugenden. Denn diese erwachsen nicht durch den Druck einer besonderen Erziehung, sondern entspringen, wenn die Freiwilligkeit gegeben ist, aus einem Zustand innerer Zufriedenheit. Hier wird deutlich, dass es einen Unterschied gibt, zwischen Menschen, die sich tugendhaft verhalten und Menschen, die es in ihrem Innersten sind. Es gibt also nichts zu tun, vielmehr nur etwas zu enttarnen. Dafür ist der Müßiggang die geeignete Haltung und wenn die Mühe aufhört, beginnt er: ein Geschehenlassen, statt ein Machenwollen, eine Besinnung auf den Prozess, statt auf das Ziel, ein Sein, statt ein Werden.

Muße? Das ist das Gegenteil von Nichtstun. Es ist gesteigerte Empfänglichkeit, ein Tun, das nicht aus dem Zwang, der Not kommt, nicht aus der Gier nach Gewinn, nicht aus dem Gebot oder der Pflicht, sondern allein aus der Liebe und Freiheit.“ Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836)

Freiraum
Seit dem mir der Müßiggang ein Begriff ist, habe ich begonnen mich bewusst und offen ihm hinzugeben und ihn für mich zu erforschen. Tatsächlich wird mir vieles erst klar durch den Freiraum, den ich mir lasse. Als würde so überhaupt erst Platz da sein, damit mir etwas ein- oder auffallen kann. Doch in einem Raum, in dem ich frei bin, fällt mir zuerst einmal meine angenommene Unfreiheit auf. Ich erlebe wie ich unter Druck stehe etwas zu tun, vor allem was, das etwas nutzt. Ich will es zu etwas bringen, verfolge einen Plan, habe eine Idee, ein Ziel und lasse keinen Raum zum wirklichen Erleben und für eine neue Inspiration.


„Die Muße ist die Schwester der Freiheit.“ Sokrates (470 - 399 v. Chr.)

VOLLKOMMENHEIT
Ebenso beobachte ich, was mich bewegt. Was ist meine Motivation? Ich habe festgestellt, dass ein Großteil meiner Handlungen aus Bedürftigkeit und Angst heraus entstehen. Beispielsweise übe ich mehr, wenn ich Angst vor einem Auftritt habe, ich kaufe ein, um erfüllter zu sein, gehe arbeiten, damit ich sicher bin... Ich tue also etwas, um den wahrgenommenen Mangel zu beseitigen. Eigentlich ist dies auch die normale Art und Weise mit Bedürftigkeit und Angst zu verfahren, doch leider kann ich immer wieder erleben, dass ich auf diesem Wege nicht zur Erfüllung und Zufriedenheit gelange. Viel mehr bleibt die Bedürftigkeit und Angst sogar bestehen. Es wird deutlich, dass alle Handlungen, aus der Wahrnehmung eines Mangels heraus, zu weiterem Mangel führen. Als ob die Voraussetzungen schon das Ergebnis bestimmen: Mangel erschafft Mangel. Dieser normale Weg scheint also eine Sackgasse oder viel mehr noch, eine Endlosschlaufe, in der ich mich total verausgaben kann, zu sein. Es braucht also einen anderen Weg oder vielleicht eine andere Wahrnehmung? Wie wirklich sind Bedürftigkeit und Angst in mir? Wenn ich sie empfinden kann, wenn auf dem Konto rote Zahlen erscheinen, sind sie sehr wirklich. Kann ich das sinnlich in meinem Körper wahrnehmen oder laufe ich los, um mir einen Job zu suchen? Vielleicht finde ich auch einen Job, aber was wenn die Angst bleibt? Kann ich sie aushalten oder fliehe ich immer in die Handlung, um eine Wahrnehmung in mir zu beseitigen? Ist vielleicht nicht der Mangel das Problem, sondern die Wahrnehmung dessen? Wenn das Leben vollkommen ist, ist dann nicht jede Wahrnehmung eines Mangels, nur eine angenommene Unvollkommenheit? In dem Fall kann ich gar nichts tun, ich brauche nur meine Wahrnehmung zu verändern, dann verändert sich alles. Wenn ich jetzt Angst und Bedürftigkeit wahrnehme, versuche ich ihnen nicht mehr nachzukommen und die Motivation zur Handlung in mir verstreichen zulassen. Ich übe mich lieber darin der Wahrnehmung des Mangels zu begegnen und seine Energien in meinem Körper zu fühlen. Schließlich erlebe ich, wie die Lebendigkeit mich erfüllt und wie aus Zufriedenheit wieder eine gesunde Motivation zur Handlung wird.


„Muße ist die Verteidigung der Vollkommenheit.“ Oscar Wilde (1854 – 1900)

FREUDE
Für mich meint der Müßiggang dem Fluss der Freude zu folgen. Ich nehme mich aus der Welt, löse mich von Verpflichtungen und Bemühungen und spüre ab was mir Freude machen würde. Das, was sich dann öffnet und wohin die Energie fließt, dem folge ich solange, wie es sich leicht anfühlt. Darin bin ich konsequent und flexibel, um jeder inneren Wandlung nachzukommen. So erfahre ich wie kraftvoll und energetisch ich durch die Freude sein kann und wie ermüdend und ernüchternd es ohne sie ist.

Dort, wo die meiste Freude ist, ist auch die meiste Wahrheit.“ Paul Claudel (1886-1955)

AUSDRUCK

Immer wieder lande ich dadurch beim künstlerischen Ausdruck. Mal sind es Worte, die ich aus einem inneren Impuls forme, mal treffe ich mit Tönen direkter auf meine Empfindungen und mal ergibt sich, dass es mich nach Bewegungen verlangt. Bei diesen Möglichkeiten zum Ausdruck versuche ich achtsam jede kleinste Regung in mir wahrzunehmen. Ich lausche auf das, was zwischen den Zeilen liegt, versuche es aufzugreifen und in den freien Ausdruck fließen zu lassen. Gelingt dies, ist es ein wirklich heilsamer Prozess, weil es sich wie ein Veräußern, ein Loslösen anfühlt. Vielleicht ist dies der Punkt an dem ich mich von der Identifikation löse und zum Raum werde in dem alles stattfinden kann. Gleichzeitig wird etwas sichtbar und dadurch bin ich des öfteren versucht dieses in eine feste Form zu fassen. Was zur Folge hat, dass sich sogleich der Ausdruck verengt und der freie Fluss gestört wird. Am schönsten ist es doch, wenn sich eine Form wie von alleine, und zu ihrer Zeit, ergibt.

„Der Müßiggang ist ein Weg, das Leben in Kunst zu verwandeln, und die Kunst in Leben.“ Gisela Dischner (1939*)

SPIELEN
Neulich bin ich über das Wort „Unsinn“ gestolpert und ich finde auch dieses passt gut zum Müßiggang. Eben das zu tun, was wir normalerweise mit dem Satz „ach, das ist doch Unsinn“ abtun. Einfach mal wieder zu Spielen und das zu machen „was man nicht macht“. Den Mut zu haben sich zu vergessen, wieder Kind zu sein und urteilsfrei durch die Welt zu bummeln. Einfach zur Sache an sich, ohne Sinn und Zweck und ganz nebenbei kehrt die eigene Lebendigkeit zurück.

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Friedrich Schiller (1759 – 1805)

MENSCHWERDUNG

Mir erscheint es, als würde der Müßiggang, indem er uns für unbekanntes, ungewohntes und unkontrollierbares öffnet, zur Menschwerdung beitragen. Ich halte uns nicht für beschränkte und isolierte Wesen, obwohl wir uns so verhalten. Ohne eine Trennung im Geiste sind wir Teil der Natur. Wie eine Blume sich in ihrer Blüte verwirklicht, tragen wir auch unsere eigene Bestimmung in uns. Finden wir zu dieser Bestimmung, können wir als wahre Menschen im Einklang mit der Welt erblühen. Somit meint Menschwerdung eine Rückkehr zu dem, was wir sind. Wir müssen nichts hinzufügen, sondern alles Überflüssige weglassen, uns freilegen und enttarnen.

Müßiggang ist nichts Übles, ja man muss sagen: Ein Mensch, der für diesen keinen Sinn hat, zeigt damit, dass er sich nicht zur Humanität erhoben hat.“ Søren Aabye Kierkegaard (1813 – 1855)

LEERLAUF
Mir ist besonders aufgefallen, wie wichtig es ist immer wieder einen Leerlauf zu lassen. Einfach Zeit und Raum in dem das stattfinden kann, was es gerade braucht. Auf natürliche Weise regenerieren sich so wieder alle Kräfte in mir. Dabei erfahre ich, was es bedeutet, wie beim Ein- und Ausatmen, im Gleichgewicht von Ein- und Ausdruck, An- und Entspannung zu sein. Meistens brauche ich den Leerlauf, um Eindrücke zu verarbeiten. Dieser beginnt häufig mit Trägheit, die ich mir erlauben muss, die dann aber in Ausdruckslust kippt. Doch vorsichtig, wie schnell bin ich wieder versucht produktiv zu sein, obwohl es im Inneren eher nach absichtslosem und freiem Ausdruck verlangt. Auch künstlerisch bin ich dann achtsam und steuere keine Fertigstellung an, sondern lasse mich gehen. Dafür braucht es Vertrauen und Geduld in den Prozess.

„Ob nicht die Tage, die wir gezwungen sind, müßig zu sein, diejenigen sind, die wir in tiefer Tätigkeit verbringen, ob nicht unser Handeln, selbst wenn es spät kommt, nur der Nachklang einer großen Bewegung ist, die in untätigen Tagen uns geschieht?
 Jedenfalls ist es wichtig, mit Vertrauen müßig zu sein, wenn möglich mit Freude.“ Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

TAUCHGANG
Wenn ich mich aus dem alltäglichen Informationsfluss ausklinke und einen inneren vertrauenswürdigen Begegnungsraum schaffe, entsteht eine sehr interessante Möglichkeit im Müßiggang. Eine Art Tauchgang in meine eigene Tiefe, auch in die eigene Untiefe. Hierfür braucht es wahren Heldenmut, um weiter vorzudringen. Denn es gibt da eine ungewöhnliche Trägheit und Feigheit, beim Versuch mir selbst zu begegnen. Als würde ich mich selbst am meisten scheuen. Vielleicht sogar meine Vollkommenheit mehr noch, als mein verletztes Selbst. Doch ich habe erfahren, dass wenn ich vermeide oder fliehe, meine Sehnsucht nur lauter und mein verletztes Selbst noch widerspenstiger wird. Nur wenn ich mich stelle, wenn ich komplett bereit bin anzunehmen, was in diesem Augenblick in mir ist, findet Verwandlung statt. Interessanterweise verändert sich dann auch meine Wahrnehmung. Alles was mir zuvor quer ging, mich blockierte und Widerstand in mir auslöste, wird nun zu einem wichtigen Boten über mich selbst und meine Lebensweise. Wie Freunde, die mir helfen wollen meine Energien wieder freizusetzen und ins Gleichgewicht mit mir selbst zu kommen.

 

„Müßiggang ist aller Psychologie Anfang. Wie? wäre Psychologie - ein Laster?“ Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)

EHRLICHKEIT
Der Müßiggang fordert auf eine Art die Ehrlichkeit zu sich selbst. Durch das Innehalten und die körperliche Wahrnehmung, werde ich mir meiner Gefühle in jedem Moment gewahr und kann spüren, wenn etwas für mich nicht stimmt. Manchmal zieht sich mein Bauch zusammen oder mein Brustraum wird eng und das macht mir sehr deutlich, dass ich gegen meine innere Wahrheit lebe. Bin ich also offen für meine Gefühle, werden meine Programme, nach denen ich funktioniere, sichtbar. Ich sehe, dass ich lüge, statt den Mut aufzubringen augenblicklich für mich einzustehen und etwas zu verändern. Letztlich fühlt es sich in meiner Haut einfach schrecklich an und das zwingt mich förmlich dazu etwas zu verändern. Mein Körper ist also ein gutes Barometer dafür, um mit mir im Einklang zu leben.

„Bei der Muße soll nicht etwa träges Nichtstun locken, sondern das Erforschen und Auffinden der Wahrheit.“
Aurelius Augustinus (354 – 430)

EIN TOR

Mir wurde deutlich, dass ich auch im alltäglichen Leben nicht nur als Ausnahmezustand müßig gehen kann. Stets kann ich herauszufinden, was es bedeutet mit mir zu gehen, statt gegen mich an. Wo immer ich bin und was auch immer geschieht, ich kann dabei ganz wach, achtsam und gelassen sein. Wenn ich aus der Interpretation über mich, mein Gegenüber und die Umwelt aussteige und mich dem gegenwärtigen Augenblick anvertraue, kann ich fühlen und erleben wer wir sind und was ist. Ich löse mich von der Vorstellung meiner Gedanken über das Leben und lasse mich auf das wirkliche Leben ein. Es ist ein inneres Seinlassen, Weitwerden und Tiefsinken. Es öffnet sich ein Tor nach Innen und verbindet mich mit allem.

„Ist der Mensch müßig, dann begreifet ihn die Sache.“ Angelus Silesius (1624-1677)

NICHTS
Es ist nicht immer ganz leicht sich an etwas hinzugeben, das als nichts erscheint und dabei mit sich selbst konfrontiert zu sein, zu spüren, dass ich unter Druck stehe, das ich Nervös bin und mich ablenken möchte. Welch eine Überwindung kostet es manchmal das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle zu opfern und zugleich können Sekunden in denen mich ungehemmte Lebendigkeit erfüllt unglaublich überwältigen. Irgendwie also kann ich nicht mehr anders, als immer wieder den Mut aufzubringen, meine Kräfte zu sammeln, um mich mitten in den Sturm zu stellen. Mich einfach immer wieder dem Nichts auszuliefern und der Flucht durch Betriebsamkeit zu widerstehen.

„Nichtstun ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt.“
Oscar Wilde (1854 – 1900)

ERKENNTNIS

Dies ist mein Loblied auf den Müßiggang. Dank ihm bin ich an die Einfachheit und an das Wesentliche des Daseins erinnert. Ich kann meine Umwelt und mich als eine Schöpfung fühlend erleben. Hier gelten die Naturgesetze und nach ihnen bin ich ein freies Wesen, welches für sich selbstverantwortlich ist, dafür was es wählt und wie es etwas wahrnimmt. Alles was mich begrenzt, kann ich loslassen und das Leben wird mich fortwährend darauf aufmerksam machen. Der Müßiggang öffnet lediglich den Raum der Erkenntnis. Lasse ich mich auf ihn ein, warten Wunder über Wunder auf mich.

„Ich bin der Meinung, ein wirklich gutes Glück ohne Müßiggang ist unmöglich.“ Anton Pawlowitsch Tschechow (1860 – 1904)

 

 

Buchempfehlungen:

Herausgegeben von Joseph Tewes:
Nichts Besseres zu tun – über Muße und Müßiggang.


Bertrand Stern:
Weile statt Eile! Unterwegs zu einer Kultur der Muße?

Wolfgang Schneider:
Die Enzyklopädie der Faulheit. Ein Anleitungsbuch.

Eberhard Straub:
Vom Nichtstun.

Nuccio Ordine:
Von der Nützlichkeit des Unnützen. Warum Philosophie und Literatur lebenswichtig sind.

Hermann Hesse:
Die Kunst des Müßiggangs.

Herausgegeben von Bernhard Pollmann:
Weisheiten deutscher Klassiker.

Jiddu Krishnamurti:
Einbruch in die Freiheit.

Hubertus von Schoenebeck:
Ich liebe mich, so wie ich bin. Der Weg aus Selbsthass, Ohnmacht und Egoismus.

Mike Hellwig:
Radikale Erlaubnis. Energetischen Missbrauch erkennen und beenden.

Safi Nidiaye:
Wieder fühlen lernen. Wie wir uns selbst und die Welt heilen können.

Arno Stern:
Die Expression. Der Mensch zwischen Kommunikation und Ausdruck.

Julia Cameron:
Der Weg des Künstlers. Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität.